Husserl
Ausgewählt und vorgestellt von Uwe C. Steiner




Ausgewählt und vorgestellt von Uwe C. Steiner
Zwischen 1760 und 1850 werden die Gründe für noch gegenwärtige Opferdiskurse gelegt. Seit dem bürgerlichen Trauerspiel besetzt in einer expliziten Engführung zwischen Geschlecht und tragischer Funktion meist das weibliche Opfer die tragische, männliche Täterschaft komplementär die antagonistische Position: Die Dramen überhöhen die ›Victimae‹ zu ›Sacrificia‹ und bringen das Opfer mit der seinerzeit akuten Geschlechteranthropologie in Verbindung. Lessings Emilia Galotti hatte ein wirkmächtiges Schema geprägt, das die nachfolgende Dramatik von Lenz, Caroline Schlegel, Schiller oder Goethe, über Kleist, Werner und Grillparzer bis hin zu Hebbel, Hauptmann oder Hofmannsthal in mimetischer Anknüpfung und Absetzung fortschreibt. Oft beobachten auch Romane das enge Band zwischen Gender, Tragödie und Opfer. Bis hin zu Elfriede Jelinek, Botho Strauß oder Lars von Trier wirkt der Zwiespalt zwischen aufgeklärter Opferkritik und ästhetischem Opferkult nach. Ob die Darstellung des Opfers den Darstellungscharakter schon des realen Opfers erhellt, und damit auch die Darstellungsfunktion von Geschlecht, oder ob sie vom Opfer entfachte Leidenschaften nährt, bleibt bis heute fraglich.
Von Deutschland aus betrachtet stellt sich das 18. Jahrhundert als das Zeitalter der Aufklärung dar und zugleich als die Epoche, in der sich eine eigenständige deutsche Literatur herausbildete. Doch wie die Aufklärung ist auch die Entstehung einer deutschen Nationalliteratur ein europäisches Ereignis und Teil jener kulturellen Transferprozesse, die sich paradoxerweise vor allem dann am nachdrücklichsten geltend machen, wenn es darum geht, Differenzen zu markieren und Nationalkulturen hervorzubringen. Doch Nationalliteraturen, die kulturell in sich geschlossen und nur den eigenen Traditionen verpflichtet sind, gibt es eigentlich gar nicht, denn literarisches Geschehen fand in Europa stets grenzüberschreitend statt. Gibt es also eine europäische Literatur? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Beiträge dieses Bandes, die davon ausgehen, dass nicht nur die Aufklärung, sondern ebenso die nationalen Literaturen, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts herausbildeten, untrennbar mit dem europaweit wirksamen Austausch der Ideen und literarischen Konzepte verknüpft sind.