Die notwendige Vermittlung zwischen Psychoanalyse und Historischem Materialismus, zwischen Subjekt und Gesellschaft, ist seit über 100 Jahren ausstehend. Freud stellte bereits fest, dass die Gesellschaft einen erheblichen Anteil an der Entstehung von Neurosen hat. Während die Psychoanalyse die inneren Prozesse des Lebens untersucht, kann nur die Gesellschaftstheorie erklären, warum bestimmte subjektive Strukturen entstehen. Siegfried Zepf und Dietmar Seel versuchen, diese Vermittlung zu leisten, indem sie Laplanches Überlegungen einbeziehen, die das Triebhafte als Teil des Unbewussten und dessen Beziehung zu gesellschaftlichen Widersprüchen beleuchten. Sie skizzieren auch eine Metatheorie, deren Notwendigkeit zwar anerkannt, deren Umsetzung jedoch bislang ausblieb. Die Autoren plädieren für die Wiederbelebung einer Debatte und erinnern daran, was im psychoanalytischen Bewusstsein durch vermeintlich Neues verdrängt wurde. Sie streben an, die Totalität von Mensch und Gesellschaft dem Begriff näherzubringen, und wagen sich an die Entmystifizierung früherer und gescheiterter Versuche, die von Denkern wie Reich, Bernfeld, Fenichel und Fromm sowie Horkheimer, Marcuse, Lorenzer und Schneider unternommen wurden.
Dietmar Seel Knihy


Die Ödipusmythen werden heute von Freuds Konzept des Ödipuskomplexes überschattet. Diese Art der Auslegung drehen die Autoren um. Sie nutzen die Mythen zur Interpretation des Ödipuskomplexes und zeigen dessen verborgene Inhalte auf. So wird der Komplex als ein Drama entlarvt, das nicht von den Kindern inszeniert wird: Nicht Sohn oder Tochter beginnen, mit Vater oder Mutter zu rivalisieren, es sind vielmehr die Eltern, die mit ihrem Kind um den Partner in Konkurrenz treten. Die Autoren zeigen Aspekte der Mythen auf, die Freud in seiner Konzeption des Ödipuskomplexes nicht berücksichtigt hat, wie die Entstehung des ödipalen Dramas und seine transgenerationale Weitergabe. Sie kommen zu der überzeugenden Einsicht, dass Ödipus keinen Ödipuskomplex hatte.