Romain Rolland hat vor zehn Jahren, unmittelbar nach Tolstois Tod, das Leben und Werk eines der drei großen Männer dargestellt, die Europa am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts tief beeinflussten. Dieses Dreigestirn strahlt bis heute und die junge Generation blickt, trotz drängender sozialer Probleme, zu diesen großen Fanatikern des Erkennens und Fühlens auf. Neben Nietzsche, dem dionysischen Kritiker, und Strindberg, dem Gejagten, steht Tolstoi, der Bekenner und Apostel. Ihre Beziehung zu Christus spiegelt einen wesentlichen Teil ihres Ichs wider. Nietzsche wurde zu dessen gefährlichstem Feind und nannte sich stolz den Antichristen; Strindberg haderte mit ihm, unterwarf sich und erhob sich als Rebell. Tolstoi hingegen fühlte sich so eins mit Christus, dass er sich als dessen Urchrist sah. Wer war er wirklich? Ein Mensch voller Widersprüche: Sohn eines zaristischen Offiziers und Rousseaujünger; Ketzer und Büßer; Bauer und Weltmann; schwächlich und zäh; asketisch und ausschweifend; eitel und demütig; klarer Erkenner und Illusionist; anarchistisch und konservativ; Pionier und Reaktionär; Feind der Intellektuellen und zugleich ein Geistiger; wild und zart; weise und kindlich. Ein Phantast und der helläugigste Realist der modernen Literatur. Immer ein Fanatiker, ein Besessener – kurz gesagt, ein faszinierender Charakter.
Wilhelm Herzog Knihy






Über Sex kann ich nur noch lachen
- 156 stránek
- 6 hodin čtení


