Über die Sinnhaftigkeit und Struktur der kultischen Handlungen im Christentum ist viel diskutiert worden, oft mit theoretisch-theologischem Ansatz. Christian Lehnert, als Theologe und Dichter, wählt einen eigenen Zugang: den des Dichters. In seiner typischen Mischung aus Reflexion, Schau und Erzählung nutzt er verschiedene sprachliche Register, von klarer bis expressiver Prosa, um sich den festen Formen des kultischen Vollzugs zu nähern, deren Bedeutung vielen verloren gegangen ist: Kyrie, Gloria, Glaubensbekenntnis, Abendmahl. Seine Beobachtungen und Meditationen führen zu einer energetischen Erfahrung der „Leere“, die auf mystische Gotteserlebnisse zurückblickt und gängige Verständnisroutinen durchbricht. Lehnert hinterfragt kritisch den Konservativismus und dessen erstarrte Religionspraxis sowie die charismatischen, liberalen oder esoterischen Bewegungen, die glauben, das Christentum neu interpretieren zu können. Er zeigt, dass die Gestalt des Christentums notwendig ungeworden ist, seine Unabgeschlossenheit und Strömungsform auf etwas, das immer aussteht. Dies wird erst offenbaren, was das Christentum seit jeher war – seine Schönheit und Liebe.
Christian Lehnert Knihy






Im Flechtwerk, Lehnerts achter Gedichtband, ist ein streng gefügtes Werk. Siebenmal sieben Gedichtpaare bilden ein Flechtwerk, eine verwobene Kunst der Fuge. Musikalische Strukturen prägen den Zyklus: von Reimklängen bis zur Motivverarbeitung in verschränkten Zusammenhängen nach dem Vorbild barocker Kantaten. Doch geht es nicht um formalistische Exerzitien. In ihrer so expressiven wie reflexiven Musikalität erkunden Lehnerts Gedichte die Natur, indem sie ihr antworten. Und mehr noch: Gegen den als Anthropozän maskierten Totalzugriff des Menschen auf seine Umwelt suchen die Gedichte ein Widerlager. Im Übergang zwischen Denken und Wahrnehmung spüren sie dem Geistigen nach: In dem, was »Materie« scheint, erfahren sie Offenbarung in Pflanzen, Tieren und Dingen, in Tageszeiten und im Spiel der Wellen.
Die heilende Kraft der reinen Gebärde
- 112 stránek
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Das Buch versammelt Gesprache mit dem im Fruhjahr verstorbenen Dresdner Tanzer und Choreographen Manfred Schnelle uber liturgisches Handeln, uber die Gebarden und Gesten im Gottesdienst und uber eine Spiritualitat der Bewegung. Schnelle (1935-2016) kam aus der Schule des Ausdruckstanzes in Deutschland, dessen bedeutendste Vertreterinnen Mary Wigman und Gret Palucca waren. Seine Erfahrungen mit dem Tanz in Kirchen und seine tiefe Frommigkeit, gepragt von der Michaelsbruderschaft und der christlichen Zen-Meditation Enomiya-Lassalles, haben ihn zu einem genauen und sensiblen Beobachter liturgischer Vollzuge gemacht. Die Gesprache beleuchten, wie eine starke und glaubhafte liturgische Prasenz entstehen, wie man sie uben und erlernen kann. Neben elementarem Grundwissen fur den Pfarrberuf geht es vor allem um Weisen der Aufmerksamkeit und einen eigenen spirituellen Weg. Die vielen Fotografien im Buch zeigen, wie Manfred Schnelle selbst liturgische Gesten verwirklichte. Diese Bilder konnen der Ausgangspunkt fur eigene Ubungen sein. So will der Band allen denen dienen, die haupt- oder nebenamtlich Gottesdienste verantworten und dabei den liturgisch-leiblichen Aspekt der Verkundigung beachten.
In einer Lebenskrise zieht sich der Erzähler in ein altes, halbzerfallenes Gehöft im Osterzgebirge zurück. Es wird ihm zum Ausgangspunkt für Gänge in eine Natur, die ebenso menschengemacht wie versehrt ist und ihm doch in kleinen Details wie eine Wildnis gegenübertritt. In der spirituellen Bewegung dieses Rückzugs sucht der Erzähler Orte radikaler Fremde auf. Er vermutet sie in einer religiösen Erfahrung, die alle Ordnungen und ideologische Sicherheiten durchschlägt; er fastet, er meditiert. Zur begleitenden Lektüre wird ihm die „Apokalypse des Johannes“, ein Grundtext der europäischen Kultur, der alle Beheimatung in der Welt ausschließt und religiöse Endzeiterwartungen genauso prägte wie die geschichtsphilosophischen Utopien der vergangenen Jahrhunderte mit ihren gefährlichen Denkfiguren der Zerstörung des Alten zugunsten des Neuen. Das Haus und das Lamm ist erkundende, fragende Prosa im Grenzgebiet zwischen Erzählung, Essay und poetischer Bildlichkeit. In Narration und Reflexion, Realität und Imagination ringt sie um ein Verständnis des Bösen und des Leids und konfrontiert uns mit den oftmals beklemmenden Erscheinungen eschatologischen Denkens. Es zeigt sich: Diese sind bis heute wirksam – in den realen wie forcierten Weltuntergangsängsten unserer postreligiösen Gegenwart.
Windzüge
- 108 stránek
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»Doch das fließende Grenzgebiet, Wirklichkeit, wo ist’s?« In der kompakten Form acht- und zwölfzeiliger Gedichte hatte Christian Lehnert seine »Pneumatologie« einer spirituellen Naturerfahrung zuletzt verdichtet (Aufkommender Atem, 2011), und mit derselben Form setzt er in seinem neuen, sechsten Gedichtband wieder an. Konsequent aber wächst die Form diesmal gegen die minimalistische Verdichtung auf, über Sonette hin zu dynamischen Zeilen und Strophen voll hexametrischer Rhythmen. Die Weitung der Form bedeutet zugleich eine Annäherung an größere Formationen der Wirklichkeit. Das Gedicht bewegt sich über die Erfahrung von Landschaft und Kulturnatur zielstrebig hinaus, arbeitet sich auf Schotter und Gleisen voran, passiert Transportmittel, Maschinenparks, Depots und Halden, durchquert Brachen und steuert durch Kanäle und Schleusen in Richtung eines vorerst imaginär bleibenden Stadtkerns. Wie die Mitte selbst aber erreichen? In einer Coda reißt Lehnert diese Frage mit drei Langgedichten zu drei Worten Martin Luthers als Sprachproblem auf: Dichtung als ein unablässiges Ringen um solche Worte und damit um den Zugang zur Mitte – ein unabschließbarer Versuch, doch ermutigt durch den festgegründeten Satz: »Solange ich Atem hole, ist Zeit.«
Beten hat dort, wo es auf Sprache trifft, einen genuin poetischen Zug – und daraus entstand die Idee für diese nicht zuletzt literarische Sammlung. Wie das Gedicht ist das Gebet an der Grenze der vertrauten Sprache unterwegs und erkundet Räume, wo die Worte noch fehlen. Christian Lehnert hat über die Zeiten und Kulturen hinweg eine sehr persönliche und doch objektivierende Sammlung jener Texte zusammengestellt, in denen sich ihm der Kern des Gebetes in religiösen Traditionen und geprägten Bildern, in Opferriten und Götterhierarchien am eindrücklichsten offenbart. Wenngleich Religionen altern und Götter sterben, so ist doch, wie die Texte dieses Buches zeigen, eine bestimmte betende Energie davon unberührt. Bereichert wird Lehnerts Auswahl durch zwölf eigens für diesen Band geschaffene metaphysisch-realistische Bilder des Leipziger Künstlers Michael Triegel.
Lehrbuch Abgabenordnung
- 480 stránek
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'Dieses Buch lehrt neu sehen. Es ist keine Investition ins Tun, sondern Ins Sein.'§Inga Kramp, eulenspiegel.de 25.09.2014§


