Roger Willemsen byl německý autor a novinář, který se proslavil svými rozhovory a publicistickou činností. Během své kariéry, kterou ukončil v masových médiích, vedl přibližně 1000 rozhovorů s rozmanitými osobnostmi, od světových lídrů po odsouzené zločince. Jeho psaní, často inspirované cestováním, zkoumá hluboké lidské zkušenosti a společenské otázky. Willemsen byl oceňován pro svůj intelekt, šarm a vtip, čímž si získal pověst výjimečného intelektuála a vypravěče.
Esej Rogera Willemsena nabízí pronikavou úvahu k vnitřní souvislosti Musilova vydaného díla a ke spojnicím tohoto díla s náčrty, deníky a autorovým životem. Jedinečnost Musilova chápání literatury tu je promyšlena v celém svém dosahu a Musil-spisovatel je představen ve své autentické podobě: jako neteologický, zcela nitrosvětský mystik, jako osamělý průzkumník možnosti mezilidských pout, jako autor a konstruktér krajně precizních popisů nevyslovitelna.
The work of Belgian artist and photographer Geert Goiris straddles a liminal position between landscape and still life. Haunting and dreamlike, the sometimes alien images denote a fundamental tension between man and nature often bordering on the sublime. From seemingly composed scenes of various objects or portraits to architectural and natural landscapes, the images impart a sense of uncanny timing or discerning observation, achieving both qualities of suspended time and unspoken narrative. Included is 'Myths, Places and Protagonists', a collection of short texts by Goiris offering personal insight into how a number of the images came to be created or inspired. 0Exhibition: M-Museum, Leuven, Belgium (14.2.-19.5.2013)
Roger Willemsen hat mit fünf ehemaligen Guantánamo-Häftlingen ausführliche Gespräche geführt. Sie alle sind keine Terroristen, sondern Opfer amerikanischer Politik. Sie sprechen über die Zustände in Guantánamo und anderen Lagern, über ihre Gefangennahme und Verhörpraktiken, über ihr Leben nach der Entlassung und die Aussichtslosigkeit, gehört zu werden – erschütternde Originaltöne aus einer geheimgehaltenen Welt.
Diese mit Kennerblick arrangierte und kommentierte Auswahl klassischer erotischer Literatur reicht vom Galanten bis zum Drastischen: Bibel und Kamasutra, mittelalterliche Schwankdichtung und deutsche Barockdichtung, französische Rokokopoesie, viktorianisches England und das 20. Jahrhundert zwischen Expressionismus und »befreiten« 60ern. (Amazon.de)
Von einem braven Mann, der das Pech herausforderte: Herr Hopp ist ein aller Welt wohlgesonnener Mensch. Er hat am Rande des Städtchens einen kleinen Zirkus mit Tieren, Artisten, Clowns und einem lustigen Papagei. Jeden Morgen führt er sein Dromedar spazieren, und jeden Morgen trifft er dabei auf Herrn Gottlieb. Der ist ein Griesgram, dessen Lieblingsbeschäftigung es ist, anderen die gute Laune zu vermiesen: seiner Frau Margarete, seiner Tochter Viola – und eben auch dem herzensguten Herrn Hopp. So ist es Herrn Gottlieb ein gemeines Vergnügen, Herrn Hopp als Hiob zu enttarnen – und tatsächlich: Mit dem Klarnamen Hiob kehrt das Glück dem Zirkusdirektor den Rücken zu. Seine Tiere sterben, seine Frau und seine Söhne verlassen ihn, er wird krank. Roger Willemsen erzählt in feinster Manier eine tragikomische Hiobsgeschichte für Kinder ab dem Grundschulalter. Seine heiter-weisen Sprachbilder ergeben mit den frechen Figuren von Kitty Kahane ein fulminantes Epos über die Wechselfälle des Lebens. Roger Willemsen über Kitty Kahane: Kitty Kahane war es, die mich überzeugt hat, mich diesem Projekt zu stellen. Ich schätze diese Künstlerin so sehr, mir gehen immer wieder die Augen über, wenn ich eines ihrer Bücher in die Hand nehme. Roger Willemsen über den biblische Geschichte von Hiob: Ja, Hiob ist eine Herausforderung – und doch, wie ich finde, gerade für Kinder wichtig. Schließlich entgehen sie dem Trauern nicht.
Dieses besondere Buch vereint realistische Abbildungen von Zootieren von Klaus Ensikat mit markanten Sätzen aus »Brehms Tierleben«, ausgewählt von Roger Willemsen. Es begeistert Kinder mit charmanten Darstellungen von Tieren wie Eisbär, Löwe und Känguru.
Keine andere Kunst nahm Roger Willemsen so persönlich wie die Musik: Sie war von früh an Komplizin, als es darum ging, das Leben zu verdichten. Willemsens Liebeserklärungen an den Jazz, seine Verbeugungen vor den klassischen Komponisten, seine scharfe Verteidigung der künstlerischen Existenz, vor allem aber sein tiefes Verständnis für die Musiker und ihre Themen sind legendär. Seine einzigartigen Texte »über Musik« sind weit mehr als das: Sie sind Ausdruck eines Lebens »entlang jener Linie, an der man Dinge macht, die aus Freude bestehen oder aus Aufregung, aber nie aus Gleichgültigkeit«. Roger Willemsens Hommage an die Musik und ihre Heldinnen und Helden gibt einem das Gefühl, am Leben zu sein.
Willemsenm unterwirft das moralische Masiv Deutschland einer kritisch-polemischen Prüfung: Grundwerte und politische Praxis, Innerlichkeit und Unterhaltung, Nationalstolz und Widerstand und deren Niederschlag in der Öffentlichkeit. Er rechnet ab mit den 'guten Deutschen', den politisch , moralisch, publizistisch Vorgesetzten, von Franz Alt über Hans Magnus Ezensberger und Margerete Mitscherlich bis Richard von Weizsäcker. Im Jahr der Wiedervereinigung niedergeschrieben, ist dies ein gleichbleibend aktuelles Buch, in dem es Willemsen nicht um individuelle Denunziation geht, sondern um die veröffentlichte Meinung und das Verschwinden der Kritik.
Von der Antike bis heute: Liebe, Lust und Leidenschaften sind so zeitlos wie redselig. Und doch gelten die Erotika großer Dichter und Schriftsteller nur selten als Weltliteratur. Erst recht nicht, wenn es sich um die Schilderung sexueller Vorlieben jenseits der Norm handelt, um -die andere Seite der Nacht-. In dieser Anthologie räumt der promovierte Literaturwissenschaftler und -Erotik-Sammler- (Der Spiegel) Roger Willemsen mit einem uralten Vorurteil auf.
Roger Willemsen war einer der vielseitigsten und bekanntesten Intellektuellen der Gegenwart. Nach seinem unerwarteten Tod mit nur sechzig Jahren stellt sich die Frage »Wer war Roger Willemsen?« neu. Was trieb ihn an, und welche Überzeugungen leiteten ihn? Wie lässt sich sein schillerndes Werk fassen? Dieser Band sucht in einem langen Gespräch, das die Herausgeberin Insa Wilke mit Roger Willemsen ein Jahr vor seinem Tod führte, nach Antworten und ergänzt sie um zahlreiche Materialien und Beiträge von Weggefährten, Lesern und Kollegen. Es entsteht das Bild eines außergewöhnlichen Menschen und eines einmaligen künstlerischen und intellektuellen Werks.
Roger Willemsens letztes Buch sollte ›Wer wir waren‹ heißen. Es sollte die Versäumnisse der Gegenwart aus der Perspektive derjenigen erzählen, die nach uns leben werden. Dieses Buch werden wir nie lesen können. Umso stärker wirkt eine Rede, die Roger Willemsen noch im Juli 2015 gehalten hat: Sie ist nicht nur das melancholische Resümee und die scharfe Analyse eines außergewöhnlichen Zeitgenossen, sondern zugleich das leidenschaftliche Plädoyer für eine »Abspaltung aus der Rasanz der Zeit«. Sie ist ein Aufruf an die nächste Generation, sich nicht einverstanden zu erklären. Roger Willemsen hat diese Rede am 24. Juli 2015 gehalten. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.
»Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.«Roger Willemsen
In Roger Willemsens Essays stehen Beobachtungen zur Veränderung des Erotischen neben Gedanken zum Recht auf den eigenen Tod, Satiren zum europäischen Patriotismus oder zum neuen Voyeurismus neben Reisebildern und Polemiken. Selbst wenn Willemsen nur über Schokolade oder ein Paar Schuhe schreibt, sind seine Texte Essays im reinen Sinn. Voller Ideen und scharfer Beobachtungen, literarisch, analytisch, komisch, zeitkritisch, hintergründig und geschrieben aus einer Position größtmöglicher Unabhängigkeit, dokumentieren sie die ganze Vielfalt von Willemsens Interessen und Darstellungsformen.
Roger Willemsen begibt sich in die faszinierende, postkriegsgeplagte Welt Afghanistans, nur wenige Monate nach dem Ende eines über 25-jährigen Konflikts. Gemeinsam mit einer afghanischen Freundin reist er von Kabul bis ins kriegserschütterte Kundus und beobachtet, wie das Land erste Schritte in Richtung Frieden wagt. Er spricht mit Frontsoldaten, Kommandanten, Drogenschmugglern, Nomaden, Menschenrechtlerinnen und Häftlingen, und begegnet sowohl Traumatisierten als auch Hoffnungsträgern. Willemsen besucht Fabriken, Märkte und Schulen, ist Gast bei einer Verlobungsfeier und organisiert eine Kinovorführung für Frauen und Kinder. Er überquert den gefährlichen Salang-Pass, erkundet abgelegene Dörfer und trifft turkmenische Kamelhirten in der Steppe, bevor er schließlich den mythischen Fluss Oxus erreicht, der Afghanistan von seinen Nachbarn trennt. Das Buch ist mehr als ein persönlicher Reisebericht; es ist eine literarische Reflexion über die Essenz des Reisens und die Suche nach dem Zugang zur Fremde. Willemsen, als aufmerksamer Beobachter, enthüllt die menschlichen Gesichter eines Nachkriegslandes und bietet einen Blick hinter die Nachrichtenfront, der das Land in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Vor über hundert Jahren verfasste Brehm seinen Weltbestseller, dessen Tiergeschichten auch heute noch lesenswert sind. Seine Beschreibungen von Affen, Nilpferden und anderen Tieren sind außergewöhnlich, basierend auf genauen Beobachtungen und persönlichen Erlebnissen, ergänzt durch die Arbeiten anderer Naturwissenschaftler. Brehm präsentiert seine Erkenntnisse mit Begeisterung und einer poetischen Sprache, die sowohl fasziniert als auch irritiert. Seine subjektive Sichtweise und die Neigung, Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, können als unkonventionell empfunden werden. Dennoch vertritt er oft moderne Theorien, die auf seiner umfangreichen Erfahrung mit Tieren basieren. Viele seiner Ansichten entsprechen zwar nicht dem heutigen wissenschaftlichen Stand, sind jedoch als historische Dokumente von Interesse. So erfahren wir von der Verbreitung von Makaken in Zoos und der Jagd auf Alpenmurmeltiere wegen ihrer vermeintlichen heilenden Kräfte. Mit über 200 Ausgaben und zahlreichen Übersetzungen ist Brehms Werk ein unbestrittener Klassiker der Wissenschaftsliteratur. Eine neue Auswahl seiner Tiergeschichten, kommentiert von Roger Willemsen und wunderschön illustriert von Klaus Ensikat, zeigt, dass Brehms außergewöhnliche Beobachtungen auch heute noch relevant und ansprechend sind.
Schon als kleiner Junge hatte er immer einen gepackten Koffer unterm Bett. Aus dem kleinen Jungen ist ein großer Reisender geworden und ein begnadeter Erzähler. Ob Tokio, der Kongo oder Afghanistan, von überall brachte Roger Willemsen Geschichten mit. Das Reisen bedeutete ihm aber weit mehr. Dieser Band erzählt davon und von seiner Sehnsucht nach der Fremde. »In Wirklichkeit gelangt man immer nur an einen weiteren treibenden Ort, um sich dann neuerlich abzustoßen und vielleicht endlich an jenem instabilen Ort einzutreffen, den ich nur deshalb ›Zuhause‹ nenne, weil er mehr Rituale versammelt als andere.« Roger Willemsen
Ein Jahr lang sitzt Roger Willemsen im Deutschen Bundestag – nicht als Abgeordneter, sondern als ganz normaler Zuhörer auf der Besuchertribüne im Berliner Reichstag. Es ist ein Versuch, wie er noch nicht unternommen wurde: Das gesamte Jahr 2013 verfolgt er in jeder einzelnen Sitzungswoche, kein Thema ist ihm zu abgelegen, keine Stunde zu spät. Er spricht nicht mit Politikern oder Journalisten, sondern macht sich sein Bild aus eigener Anschauung und 50000 Seiten Parlamentsprotokoll. Als leidenschaftlicher Zeitgenosse und »mündiger Bürger« mit offenem Blick erlebt er nicht nur die großen Debatten, sondern auch Situationen, die nicht von Kameras erfasst wurden und jedem Klischee widersprechen: effektive Arbeit, geheime Tränen und echte Dramen. Der Bundestag, das Herz unserer Demokratie, funktioniert – aber anders als gedacht.»Man denkt, alle Welt schaut auf dieses Haus. Und dann findet man so viel Unbeobachtetes.« Roger Willemsen
Roger Willemsen hatte das Glück, einigen großen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte an einem Wendepunkt ihres Lebens zu begegnen, und er hatte das Privileg, manchmal Tage, sogar Wochen mit ihnen zu verbringen, bisweilen an erstaunlichen Orten. Es sind der Mut und die Radikalität, die innere Freiheit und Unabhängigkeit dieser Menschen, die Willemsen in all ihren Formen faszinieren – auch im Leiden und Scheitern.
In den literarischen Porträts, die nach diesen Begegnungen entstanden, ist die Sicht auf jene „überlebensgroßen“ Menschen immer persönlich, zuweilen intim, manchmal sogar innig, und schließlich schält sich aus der Summe der Beobachtungen, Gespräche und Gedanken ein fast ganzheitliches Bild vom Menschen.
Die hier beschriebenen Persönlichkeiten – Popstars und Politiker, Wissenschaftler, Schauspieler und andere – vereint, dass sie sich an Außenpositionen des Lebens und Gestaltens bewegen, dass sie das Menschenmögliche neu gefasst und ihre Rolle in der Öffentlichkeit einzigartig interpretiert haben. Willemsens Porträts wiederum verbindet die Gabe ihres Autors, tiefer zu sehen, das Banale im Großen, das Große im Banalen zu finden und Erkenntnisse zu fördern, die noch über seine Gesprächspartner hinausweisen.
Tiere sind die besseren Menschen, dachte Roger Willemsen und erweckt den berühmten Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns zu strahlend neuem Leben. In seiner gereimten Fassung des tierischen Konzerts trägt die Weinbergschnecke Lipgloss auf, und zum Pianoforte hüpft die Springmaus aus der Torte – splitternackt. Die Bremer Stadtmusikanten? Eine Boygroup! Mit Charme und Esprit führt Roger Willemsen durch die Revue der musizierenden Tiere, von Volker Kriegel mit feinem Strich illustriert. »Roger Willemsen schreibt, wie es im Tierreich zugeht, nämlich genau wie im Menschenreich. Sehr schön.« Elke Heidenreich
Den Westen malte er banal, den Osten bestenfalls trivial. Wovon er schrieb, das sah er nie: alles bloße Phantasie. Zum Lachen ging er in den Keller, Deutschlands großer Volksschriftsteller. Im Knast schrieb er aus Langeweile – halt! Das sind alles Vorurteile! Dreiundzwanzig Bände Karl May komprimiert in dreiundzwanzig erzählenden Gedichten von Roger Willemsen und illustriert mit historischen Karl-May-Abbildungen: »Dieser Geist bringt Poesie/ in Steppe selbst und in Prärie« – ein Lesevergnügen!
Als im Jahre 1603 der 21-jährige schottische Schneiderjunge William Lithgow unter dem Fenster seiner Liebsten singt, schneiden ihm ihre Brüder beide Ohren ab. Da entschließt sich der junge Mann, in den Orient aufzubrechen, wo unter dem Turban der Verlust von zwei Ohren nicht auffällt. Meist zu Fuß bereist er weite Teile der Welt. Seine insgesamt drei »leidvollen Wanderungen« führen ihn quer durch Europa und bis nach Arabien, Ägypten, Abessinien, und so wird er einer der ersten Augenzeugen in unbekannten Weltregionen, ein detailscharf berichtender, oft unfreiwillig amüsanter Erzähler, dem vor allem eines abgeht: die Gabe zu reisen. Folglich ist sein Reisebericht einmalig nicht nur durch den Farbenreichtum und den Radius seiner Schilderungen, sondern mehr noch durch den Eigensinn dieses Mannes, den weniger die Lust als ein eiserner Widerwille vorantrieb. William Lithgow, der erste Pauschal-Tourist dank seiner Pauschal-Urteile, wurde durch seinen streitbaren Charakter zu einem einzigartigen Reiseschriftsteller in einer eigenen, so nie gesehenen Welt. Erstmals nun erscheint der Text auf Deutsch, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Georg Deggerich, mit einem Vor- und einem ausführlichen Nachwort von Roger Willemsen und zwölf farbenprächtigen Illustrationen von Papan.
Von seinen zahlreichen Reisen durch Afghanistan hat Roger Willemsen Hunderte von Kinderzeichnungen, Aufsätzen und Briefen mitgebracht – bewegende Dokumente junger Menschen, deren Alltag der Krieg ist. Bei seiner letzten Reise, die ihn im Herbst 2012 von Kabul bis ins Panschir-Tal führte, hat Willemsen einige dieser Kinder besucht. Sein großer Bericht dieser Reise zeichnet zusammen mit den Bildern und Texten der Kinder ein genaues und oft überraschendes Bild vom Leben in Afghanistan – nicht nur seiner düsteren, sondern auch seiner glücklichen Momente. Es ist das Leben, das bleibt, wenn die internationalen Truppen das Land verlassen. »So empfindlich ich bin, wenn man mit Kindern versucht, Mitleid zu erregen, so konnte ich doch nur kapitulieren vor der Lebensklugheit und Reife, der Liebenswürdigkeit und Vitalität diese Kinder.« Roger Willemsen
Auf fünf Erdteilen war Roger Willemsen unterwegs, um seine ganz persönlichen Enden der Welt zu finden. Manchmal waren es die großen geographischen: das Kap in Südafrika, Patagonien, der Himalaja, die Südsee, der Nordpol. Manchmal waren es aber auch ganz einzigartige, individuelle Endpunkte: ein Bordellflur in Bombay, ein Bett in Minsk, ein Fresko des Jüngsten Gerichts in Orvieto, eine Behörde im Kongo. Immer aber geht es in diesen grandiosen literarischen Reisebildern auch um ein Enden in anderem Sinn: um ein Ende der Liebe und des Begehrens, der Illusionen, der Ordnung und Verständigung. Um das Ende des Lebens – und um den Neubeginn.
Die Eifel: Aufbruch – Der Himalaya: Highway im Nebel – Minsk: Der Fremde im Bett – Timbuktu: Der Junge und die Wüste – Borneo: Die Straße ins Nichts – Tonga: Tabu und Verhängnis – Chiang Mai: Opium – Kamtschatka: Asche und Magma – Mandalay: Ein Traum vom Meer – Bombay: Das Orakel – Patagonien: Der verbotene Ort – Kinshasa: Aus einem Krieg – Hongkong: Das leere Postfach – Indonesien: Unter Toten – Gibraltar: Das Nonplusultra – Senegal: Die Tür ohne Wiederkehr – Der Nordpol: Einkehr …
Roger Willemsen erkennt den „Knacks“ in der Landschaft und unseren Städten, in Armut und Obdachlosigkeit, im 11. September und dem Lager von Guantánamo. Der Knacks ist in der Welt, aber der Knacks ist auch in uns - in unserem Scheitern so sehr wie in unseren vermeintlichen Siegen. Ausgehend von der sehr persönlichen Erinnerung an den Tod seines Vaters, diagnostiziert Willemsen den Knacks, mit dem wir die Kindheit verlassen, und den, den uns die Liebe zufügt. Der Knacks ereilt Helden und Verlierer, Paare und Einzelgänger, der Knacks ereilt uns, beim Gang durch die Zeit: Wann wurde man nicht, was man hätte sein können? Wie sollten wir all das kennen, was wir haben, bevor wir es verlieren? Sind wir überhaupt noch anwesend in unserem Leben, und warum sitzt selbst im Glück der Knacks? So betrachtet ist der Knacks weniger der harte Bruch im Leben als der unmerkliche Übergang. Immer und überall geht er vonstatten, in uns und um uns herum: eine Farbveränderung ins Dunkle, ein Abfallen der Temperatur, ein Wechsel von Dur zu Moll. Es kann der Einzug der Enttäuschung sein oder des Alters, der Moment, in dem etwas an sein Ende gelangt und sich am Horizont zum ersten Mal der Tod zeigt. Nicht wie ein Sprung markiert dieser Knacks sein Objekt, sondern wie die Risse in der Oberfläche eines alten Bilds.
»Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.« Roger Willemsen »Momentum« ist nicht nur ein sehr persönliches Buch der Erinnerung, sondern zugleich eine einzigartige Anleitung, die entscheidenden Augenblicke unseres Lebens zu erkennen: Augenblicke von atmosphärischer Intensität stehen neben Entscheidungssituationen, Dialoge von großer Komik neben stillen Natur- und Kunstbetrachtungen, Kindheitsmomente neben Augenblicken der Liebe. Sind sie die Trittsteine im Lebenslauf? Sind sie das Glück?
Fast jeden Tag ist in den Nachrichten von neuen Selbstmordattentaten die Rede, doch davon abgesehen umgibt den Selbstmord eine Zone der Sprachlosigkeit. Die hier versammelten literarischen und theoretischen Texte durchbrechen dieses Schweigen eindringlich. Ergänzt werden sie durch authentische Abschiedsbriefe von Selbstmördern. »Bezeichne den Selbstmörder immer nur als einen Unglücklichen«, heißt es in einer hier abgedruckten Aufzeichnung August Strindbergs, »dann tust du recht; und damit ist alles gesagt.«
In Roger Willemsens gesammelten Kurztexten aus den Jahren 1988 bis 2005 ziehen mehr als anderthalb Jahrzehnte noch einmal vorüber – mit ihren großen und kleinen Ereignissen, Stars, Skandalen und Absurditäten, mit all ihrer Komik und Tragik. Willemsens besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Medien und hier vor allem dem Fernsehen auf seinem Weg vom »Testbild zum Reality-TV«. Mit Durchhaltevermögen und Lust an der erkenntnisfördernden Provokation schreitet Willemsen durch die Hölle des Entertainments und das Paradies der Werbung, zwischen denen auch die Politik ihre Claims abgesteckt hat. Ein gemütlicher Fernsehabend gibt ihm Anlass zum »Nachdenken über Dolly Buster«, »Ehen der Volksmusik« und überhaupt »Allerlei Nacktes«. Er weiß, dass der Schnee von gestern auch der von morgen sein wird. Dabei steckt hinter Willemsens Sprachwitz und manchmal atemberaubender Gedankenakrobatik ein durchaus ernster Antrieb: Die Sorge um den Fortbestand einer kritischen und aufgeklärten Gesellschaft in einer Zeit der Mediendemokratie und eines auch kulturellen Wirtschaftsliberalismus.
Seit sechs Monaten liegt der Geliebte im Koma, jetzt bespricht Valerie am Krankenhausbett ein Tonband, das ihn wieder ins Leben zurückführen, zurückverführen, soll. Nun, wo es um alles geht, ist alles in ihrer Sprache Liebe. Wie kann man fühlen und sich nicht verlieren? Wie kann man dem Mangel begegnen, der alle Liebe treibt? Wie kann man erhalten, was man nicht halten kann? Zwischen Wien, wo sie liebt, und Tokio, wo sie arbeitet, hin und her gerissen, beschwört Valerie die eigene Liebesgeschichte noch einmal herauf und zeichnet die Veränderung ihrer Gefühle akribisch nach – bis zu dem Punkt, an dem sie fast überwunden scheinen.
Etwa drei Monate lang lebte Roger Willemsen in Bangkok, verließ sein Zimmer am frühen Abend und kehrte im Morgengrauen zurück. In den Nächten durchstreifte er die Stadt: die Nachtclubs, Karaokebars und Massagesalons, die Kickbox-Studios, Nachtmärkte, Tempel und Baustellen. Er besuchte Wahrsager, Tätowierer und Aura-Fotografen, den Amulett-Markt, den Jahrmarkt der Gastarbeiter, das Straßenkino. Er aß bei den Insektenverkäufern, fand die geheimen Schlafplätze der Elefanten und kampierte unter den Demonstranten gegen die Regierung. Er fand Zugang zu Nobel-Clubs, aber ebenso zu den Glücksspielern aus den Armen-Wohnblocks.
Wochenlang reiste Roger Willemsen mit dem Zug durch Deutschland, von Konstanz nach Kap Arkona, von Bonn nach Berlin. Aus seinen Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Art entsteht das facettenreiche Bild eines Landes. Mit wachem Blick entdeckt er das Wesentliche im Alltäglichen und das Typische im Zufälligen – das Glück und Unglück des ganz normalen Lebens.
Roger Willemsens Kolumne »Willemsens Jahreszeiten« – veröffentlicht von 2010 bis 2015 im Magazin der ZEIT – erscheint hier erstmals gesammelt in Buchform: ein Feuerwerk rhetorischer Kapriolen und angriffslustiger Diagnosen. Ob Boulevard oder Berliner Politik, ob Schlutzkrapfen oder Pressknödel, bei Roger Willemsen suchen Sommerloch und Winterdepression das Weite. Hellsichtig und rasant unterhaltsam kommentiert er die Ereignisse vor dem Kurswechsel, den Teile der Gesellschaft seither vorgenommen haben – und zeigt sich als zeitlos unverzichtbar.
Roger Willemsens Reden sind eindeutig und drastisch, wo er über Folter, Kindersoldaten oder Armut spricht, sie sind ironisch-selbstkritisch, wo er sich mit dem Kulturbetrieb oder dem Reisen in reiferen Jahren befasst, sie sind voller Hintergrund-Informationen und aufklärerisch im besten Sinn, wo er seine Kritik am Fernsehen und anderen Medien auf den Begriff bringt.
Die veröffentlichten Texte basieren auf Glossen, die größtenteils in der -Woche- und im -Zeitmagazin- erschienen sind. Der Autor hat alle Texte für diese Ausgabe stark überarbeitet, und einige werden hier zum ersten Mal veröffentlicht.